Klimawissenschaft und ihre Rolle in der Politik

Prof. Hans von Storch, Klimawissenschaftler seit 1971, Leitauthor beim IPCC (Klimarat der Uno) hat hier in Hopfen am 05. Februar 2024 diesen Vortrag gehalten. In’s Haus Hopfensee waren etwa 60 Besucher gekommen.

1. Vortrag

Die Folien des Vortrags können hier abgerufen werden.

Klimawandel menschengemacht

Gesichert ist die Tatsache, dass neben natürlichen Ursachen, wie etwa Vulkanausbrüche vor allem die menschliche Tätigkeit für die Erwärmung der Atmosphäre und der Oceane verantwortlich ist.

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links: Temperatur würde leicht sinken / rechts: Temperatur steigt wie simuliert

Wetterextreme

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Wetter-Extremen sind noch nicht abgeschlossen. Einige Extreme verschärfen sich, andere schwächen sich sogar ab.

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In der Öffentlichkeit werden extreme Wetterereignisse oft auf den Klimawandel geschoben. In einigen Fälle können sich Veranrwortliche damit ihrer Zuständigkeit entziehen.

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Klimapolitik

Für die Eindämmung des Klimawandels ist vor allem die globale Politik maßgebend. International verabredet ist das Ende der Emissionen von CO2 und anderen Klimagasen bis zum Jahr 2050. Um die Temperaturen auch danach unter 2°C zu halten müssen schon emittierte Klimagase der Atmosphäre entnommen werden. Dafür gibt es aber noch keine wirtschaftlich tragbaren Technologien.

Global gesehen gibt es politisch eine Gerechtigkeitsfrage. ‘Der Westen’, der für den CO2-Anstieg hauptsächlich verantwortlich ist, sollte die Probleme nicht auf die 'Dritte Welt’ abschieben.

Anpassung an den unvermeidlichen Klimawandel

Der Klimawandel ist auch bei bestmöglicher Emissionsminderung unausweichlich. Die Notwendigkeit für eine Anpassung an die unvermeidlichen Folgen ist ebenfalls eine politische Aufgabe, der wir uns auch lokal stellen müssen.

Das Klimaanpassungsgesetz verlangt u.a. dass Gemeinden oder Gemeindeverbände, bzw Landkreise Risikoanalysen aufstellen müssen, damit schädliche Auswirkungen des Klimawandels vermieden werden.

Wissenschaft und Politik

“Wissenschaft kann keine Empfehlungen für politische Entscheidungen geben, weil Politik ein sozialer Prozess ist, der widerstreitende Interessen ausgleicht.”

Dies ist für Hans von Storch eine wesentliche Botschaft. Wissenschaft kann die jeweils beste Erklärung für den Zusammenhang der Dinge bieten. “Diese Erklärungen stellen nicht „Wahrheit“ dar – im Sinne von „ewig“, sind aber gegenwärtig widerspruchsfrei zu anderen Erklärungen und zu Daten und Beobachtungen.”

‘Auf die Wissenschaft hören’ sei gut; ‘der Wissenschaft folgen’ ist nicht angebracht.

Was der ‘Einzelne’ tun kann

Verzicht schadet nicht, solange die Menschen nicht glauben, dass sie sich dadurch ihrer Verantwortung entziehen können.

von Storch plädiert dafür,

  • dass die Menschen auf ‘die Wirksamkeit der Maßnahmen auf globaler Ebene’ achten,

  • dass sie wirksame konkrete Ziele unterstützen, etwa 'Heizen und Kühlen elektrifizieren'

  • dass sie auf 'St. Florians Hilfe' verzichten, wenn es um Dekarbonisierung oder neue Strom- oder Bahn-Trassen geht,

  • dass sie bereit sind, unfertige Technologien anzuwenden, damit diese Marktreife erlangen.

Er schlägt einen “Klima-Soli” für sozial Starke vor, der für Klimamaßnahmen eingesetzt wird.

2. Diskussion

Hans von Storch empfand die Diskussion im Haus Hopfensee als sehr anregend. Er habe noch wenige Gespräche geführt, bei denen ein breites Meinungsspektrum so sachlich und respektvoll erörtert wurde.

Emissionen

Deutschland emittiert jährlich 0,8 GtCO2. EU-weit sind es knapp 4 GtCO2. Weltweit werden 35-40 GtCO2 emittiert; regionale oder nationale Maßnahmen haben kaum Auswirkungen. Klimapolitik ist also eine globale Herausforderung.

Wenn die Erwärmung 2°C nicht überschreiten soll, müssen Nettonull-Emissionen bis 2050 erreicht werden. Und auch dann brauchen wir CO2-Entnahme aus der Luft, “negative Emissionen”.

Verzicht

Konsumverzicht sieht von Storch als wünschenswert für den Einzelnen an; erkennbare Auswirkungen auf das Klima wird Verzicht nicht haben. Die Bevölkerung In Entwicklungsländern wird dieses Thema nicht akzeptieren, sondern wird zuerst dringende Probleme wie Hunger und Krankheit lösen wollen.

Klimaanpassung

Der Referent betonte, dass wir uns an den bereits laufenden Klimawandel anpassen müssen. Mit Emissionsminderung alleine können wir die weitere Erwärmung nicht aufhalten. Dies wurde allgemein akzeptiert. Auf politischer Ebene wird derzeit ein Klima-Anpassungsgesetz (KANG) erörtert. Es sieht vor, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf kommunaler Ebene erkannt und Vorsorge getroffen wird. Herr Endhardt, stellvertretender Landrat wies auf ein vorhandenes Klima-Anpassungskonzept im Landkreis Ostallgäu hin. Es ist unter diesem Link einsehbar.

Klimamodelle und CO2

Teilnehmer fragten, ob CO2 wirklich schlimm sei; es werde ja für die Photosynthese gebraucht. Außerdem bezweifelten sie die Aussagekraft von Modellen, die über Jahrzehnte die Wärmeentwicklung vorhersagen, während Wettervorhersagen nur für mehrere Tage verlässlich seien.

von Storch verweist auf seinen Kollegen Klaus Hasselmann, der einen Nobelpreis für die Vereinfachung der Klimamodelle auf wenige überschaubare Klima-Variable bekommen hatte. Mit Modellrechungen, die historische Ausgangsdaten verwendeten konnten die Klimaentwicklungen bis heute gut nachgerechnet werden.

Die Auswirkungen der Klimagase auf die Temperaturentwicklung gelten als gesichertes Wissen.

Klimaproteste

Die Proteste der Jugendlichen von Fridays-for-Future oder die der Klimakleber der Letzte-Generation werden sehr unterschiedlich gesehen: Während einige Teilnehmer diese Proteste als nützliches Aufrütteln sehen, sind der Referent und andere der Meinung, dass diese der Demokratie eher schaden.

Was kann man tun?

von Storch sieht wirksame Maßnahmen zur Emissions-Minderung nur auf globaler Ebene, wo sich die großen Emittenten USA, Europa, China an der Emissionsminderung beteiligen.

Für die großtechnische Entnahme von CO2 aus der Luft sieht er noch keine Ansätze. Sehr große Aufforstungen sind auch nicht denkbar.

Aus dem Publikum wird Pflanzenkohle und Humusbildung als Mittel für die Reduktion von CO2 angefragt. Diese Methoden im Umgang mit der Biomasse sind noch unbekannt.

Die Nutzung von Atomkraft sollte auf Vorschlag des Referenten sachlich, ohne gegenseitige Vorwürfe erörtert werden. Atomkraft für die Energieversorgung zu nutzen sei eine politische Entscheidung.

Auf nationaler Ebene haben wir nach von Storch die Möglichkeit, Technologien zu entwickeln, die von anderen Ländern übernommen werden, wenn sie sich wirtschaftlich rechnen. Als Beispiel nennt er die Photovoltaik, für die in Deutschland der Boden für eine weltweite Anwendung bereitet wurde.

Sozial Starke könnten über einen Klima-Soli die Entwicklung unterstützen; er denkt dabei an 500 oder 1000 €/mon!

 

 

gez. U. Schaaf